{"id":639,"date":"2025-12-02T20:13:34","date_gmt":"2025-12-02T20:13:34","guid":{"rendered":"https:\/\/zeitzureden.org\/?p=639"},"modified":"2025-12-05T07:43:39","modified_gmt":"2025-12-05T07:43:39","slug":"allerhoechste-zeit-zu-reden-ueber-angst-naivitaet-propaganda-und-toedlichen-rassismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/zeitzureden.org\/en\/allerhoechste-zeit-zu-reden-ueber-angst-naivitaet-propaganda-und-toedlichen-rassismus\/","title":{"rendered":"Allerh\u00f6chste Zeit zu reden \u2026 \u00fcber Angst, Naivit\u00e4t, Propaganda und t\u00f6dlichen Rassismus"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Von<\/strong> <a href=\"https:\/\/zeitzureden.org\/contributer\/prof-sabine-schiffer\/\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/zeitzureden.org\/contributer\/prof-sabine-schiffer\/\">Prof. Dr. Sabine Schiffer<\/a>, 02. Dezember 2025<\/p>\n\n\n\n<p>Wie konnte es uns passieren, dass wir zwei Jahre lang dem in Teilen medial pr\u00e4senten Vernichtungsfeldzug in Gaza zusehen? Zwar entbinden uns auch die lang andauernde mediale Nichtpr\u00e4senz der Hungerkatastrophe im Sudan, die lange stillen Angriffe auf Venezuela und die fortschreitende globale Umweltkatastrophe mit zunehmenden Extremereignissen nicht von Verantwortung angesichts der M\u00f6glichkeiten, sich umfassender zu informieren als es unsere reichweitenstarken Medien tun; aber in Sachen Israel-Pal\u00e4stina handelt es sich um eine besondere deutsche Verantwortung, der wir nicht nachgekommen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn die historische Verantwortung an der Shoa, die einen wesentlichen Teil zur verst\u00e4rkten Besiedelung Pal\u00e4stinas durch ashkenasische Juden beitrug, liegt in der deutschen NAZI-Vergangenheit \u2013 und die erstreckt sich nicht nur auf \u00fcberlebende und Zuflucht suchende Juden, sondern auch auf die dort bereits lebende pal\u00e4stinensische Bev\u00f6lkerung, die seither mit systematischer Vertreibung konfrontiert ist. W\u00e4hrend es zu meiner Kindheitswahrnehmung geh\u00f6rte, dass Pal\u00e4stinenser Terroristen seien, erschloss sich mir in den letzten drei Jahrzehnten \u2013 seitdem ich mich mit der Nahostkrise befasse \u2013 erst allm\u00e4hlich, warum der Slogan \u201eFree Gaza from German guilt!\u201c eine tiefe Wahrheit tr\u00e4gt, auch wenn diejenigen, die den Slogan nutzen, sich dessen vielleicht gar nicht bewusst sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer sich seiner Verantwortung stellen will, kann nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust nicht einfach von \u201ealle Juden sind b\u00f6se und gef\u00e4hrlich\u201c auf \u201ealle Juden sind gut und immer unterst\u00fctzenswert\u201c umschalten und damit bei einer homogenisierenden Zuschreibung einer als anders empfundenen Gruppe bleiben. Der Philosemitismus bildet nichts anderes als die zweite Seite der rassistisch-antisemitischen Medaille. Denn \u201eDIE Juden\u201c gibt es nat\u00fcrlich genauso wenig wie \u201eDIE Deutschen\u201c oder \u201eDIE Pal\u00e4stinenser\u201c, wie man allein an der Stimmenvielfalt jenseits dieser Gruppeneinteilung im so genannten Nahostkonflikt ablesen kann.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ein Rassismus beginnt immer mit der Verallgemeinerung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Diese <strong>verallgemeinernde <\/strong>Homogenisierung enth\u00e4lt schon den Kern der Entmenschlichung. Damit beginnt das Othering, was ausgrenzend wirkt und Menschen niemals gerecht wird. Auch ein gut gemeinter Satz, wie \u201eDas Verh\u00e4ltnis von Juden und Deutschen hat sich gebessert\u201c bedient dieses Othering ebenso wie der Satz \u201eDas Verh\u00e4ltnis von Deutschen und Muslimen verschlechtert sich\u201c, denn \u2013 und das deckt eine Gegenprobe auf \u2013 ein Satz, der \u201edas Verh\u00e4ltnis von Deutschen und Christen\u201c formuliert, erscheint paradox; dies verr\u00e4t, welche Grundkonzeption vom Deutschsein unausgesprochen vorherrscht.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Austausch von kollektiver Antipathie in kollektive Sympathie gegen\u00fcber \u201eden Juden\u201c \u2013 die also immer noch als homogene Andere imaginiert werden \u2013 liegt die Einbildungskraft gelungener Geschichtsaufarbeitung in Deutschland. Die Betonung liegt dabei auf \u201eEinbildung\u201c, denn es handelt sich um Aufarbeitungsmythen, die mehr dem Wunsch nach Selbstidealisierung (\u201eWiedergutwerdung\u201c nach Max Czollek) entsprechen, statt schonungsloser Auseinandersetzung mit den Mechanismen, die die \u201eBanalit\u00e4t des B\u00f6sen\u201c, wie sie Hannah Arendt fr\u00fch erkannte, erm\u00f6glichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur Vorstellung einer Schuld\u00fcberwindung gesellt sich heute die Chance einer Schuldabwehr durch die \u00dcbertragung eigener Schuld und Denkweisen auf \u201edie Anderen\u201c; also die Projektion eigener Ressentiments auf ein Au\u00dfen. Da sind dann Araber, Pal\u00e4stinenser, Muslime \u2013 Christen, Drusen u.a. werden gerne ausgeblendet \u2013 willkommen, um den eigenen Antisemitismus dort zu verorten; was nicht davon abh\u00e4lt, sie gleichzeitig mit antisemitisch-verschw\u00f6rungstheoretischen Stereotypen zu belegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Wunschdenken der \u00dcberwindung des eigenen Ressentiments schl\u00e4gt sich heute in Rassismusleugnung nieder, denn Rassismus k\u00f6nne es ja nun quasi nicht mehr geben beim Aufarbeitungsweltmeister Deutschland \u2013 als einzigem Land auf der Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei sollte man sich nicht selbstgewiss \u00fcber andere stellen mit der Frage: \u201eWie konnten die (damals) nur?\u201c Schlie\u00dflich wissen wir heute gesichert, was falsch war &#8211; die Gnade der Retrospektive wird verkannt. Erkenntnisreicher w\u00e4re es, der Frage Daniel Jonah Goldhagens nachzugehen: Wie konnte es (damals) noch Menschen geben, die der permanenten Indoktrination von einer Sch\u00e4dlichkeit der Juden nicht erlegen sind und etwa einigen halfen? Das ist mit Verlaub die interessantere Frage, die uns weiterbringen k\u00f6nnte. Und diese w\u00e4re auf heute und \u00fcberall und auch auf andere diffamierte Gruppen \u00fcbertragbar, wo die Sicherheit der Retrospektive fehlt \u2013 ganz im Sinne von Wolfgang Benz, der unter dem Buchtitel \u201eVom Vorurteil zur Gewalt\u201c aufzeigt, welches Potential die Erkenntnisse der Antisemitismusforschung universell hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass wir mit selektiver Empathie f\u00fcr Juden \u2013 und stellvertretend f\u00fcr diese f\u00fcr Israel \u2013 nicht weit gekommen sind, l\u00e4sst sich leicht erkennen. Es wird nicht nur den uneinigen Israelis nicht gerecht und birgt die Gefahr, andere V\u00f6lkerrechtsverletzungen zu \u00fcbersehen angesichts eines zu engen Gesichtsfelds. Denn: Wie kann ein \u201eNie wieder!\u201c nicht f\u00fcr alle Menschen gelten? Wie konnte es passieren, dass Pal\u00e4stinenser \u2013 stellvertretend f\u00fcr andere Paria dieser Welt \u2013 nicht als gleichwertige Menschen wie alle anderen anerkannt werden und deren Leben nicht gesch\u00fctzt wird?<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eDer Pal\u00e4stinenser\u201c an sich\u2026<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich erinnere ein Schl\u00fcsselerlebnis w\u00e4hrend meiner Studienzeit an der Universit\u00e4t in Erlangen: nach einer Veranstaltung zum Nahost\u201ckonflikt\u201c (s.u.) gingen einige Studierende noch etwas trinken. Schlie\u00dflich stellte sich heraus, dass alle Nichtdeutschen in der Runde Pal\u00e4stinenser waren. Nach dem tabubruch\u00e4hnlichen Outing eines ersten haben auch alle anderen quasi zugegeben, dass sie nicht Libanesen, Syrer oder Israelis seien, sondern eben Pal\u00e4stinenser. Damit hatten sie sich zun\u00e4chst zur\u00fcckgehalten. Ich musste \u00fcber mich selbst erkennen, dass ich vermutlich an diesem Abend nicht mit der Gruppe mitgegangen w\u00e4re, wenn ich geahnt h\u00e4tte, dass ich mich unter lauter Pal\u00e4stinensern wiederfinden w\u00fcrde \u2013 was damals gleichbedeutend mit \u201eTerroristen\u201c war. Mir scheint, bis heute oder heute wieder ist die Bezeichnung mit dieser Bedeutung belegt \u2013 und ein \u00dcberfall wie der vom 7. Oktober 2023 ist geeignet, das Urteil erneut zu best\u00e4tigen. Dabei bleibt es, abgesehen vom unbedingten Schutz von Zivilisten, v\u00f6lkerrechtlich umstritten, welche Akte von Gewalt in einer aussichtslosen Situation und nach Aussch\u00f6pfung aller anderen Rechtsmittel noch legitimen Widerstand darstellen und welche nicht mehr. Was kein Widerstand ist und auch kein \u201eRecht auf Selbstverteidigung\u201c darstellt, ist tats\u00e4chlich v\u00f6lkerrechtlich eindeutig: die Aus\u00fcbung von Gewalt auf besetztem Gebiet, ja \u00fcberhaupt eine Besatzung.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der Frage \u201eSind Indianer Terroristen?\u201c weckte Jeremy Milgrom, Rabbiner f\u00fcr die Menschenrechte, dann endg\u00fcltig meinen Entdeckergeist. \u201eNein, nat\u00fcrlich nicht!\u201c, war ich innerlich geneigt zu antworten. Aber doch, so w\u00fcrde man wohl Indigene bezeichnen, die harmlose Farmen \u00fcberfallen in einem Land, das bis dato keine Z\u00e4une kannte.<\/p>\n\n\n\n<p>Den vergifteten Diskurs \u00fcber den so genannten Nahostkonflikt kenne ich seit Jahrzehnten gut genug, um zu wissen, dass mir mindestens der letzte Abschnitt als Relativierung von Verbrechen ausgelegt werden wird, als Rechtfertigung von Terror \u2013 wobei neuerdings nur der vom 7. Oktober als solcher zu z\u00e4hlen scheint; dabei lehne ich jede Form von Gewalt ab, und die GEWALT im Sinne von staatlicher und milit\u00e4rischer Kontrolle ist hier klar auf einer Seite. Wer das nicht kritisiert, relativiert das V\u00f6lkerrecht und hilft der Entwertung von m\u00fchsam errungenen Rechtsnormen \u2013 betreibt also den \u201eWhataboutism\u201c, den man gerne beklagt.<\/p>\n\n\n\n<p>Deshalb m\u00fcssen wir da jetzt alle durch und uns mit der Frage auseinandersetzen, warum in einem Konflikt diejenigen, die sich gegen Unterdr\u00fcckung wehren, \u201eTerroristen\u201c sind, im anderen Fall aber als \u201eRebellen\u201c und wieder in einem anderen als \u201eFreiheitsk\u00e4mpfer\u201c benannt werden. Fragen nach Wording und Framing werden im Kapitel \u00fcber Mediendiskurse noch einmal aufgegriffen, aber hier nun ist zun\u00e4chst wichtig, den Charakter des Konflikts als Kampf um Land und Heimat zu erkennen, den man laut Jeff Halper vom <em>Israelischen Komitee gegen H\u00e4userzerst\u00f6rungen (ICAHD) <\/em>eigentlich nicht \u201eKonflikt\u201c nennen d\u00fcrfe \u2013 weil das mehr Symmetrie suggeriere als es sie gibt. Verk\u00fcrzend k\u00f6nnte ich nun mit Herfried M\u00fcnkler schlie\u00dfen, der auf einer Sicherheitstagung in N\u00fcrnberg 2008 sagte: \u201eWir brauchen keinen Terror, wir haben Technologie.\u201c Verk\u00fcrzend darum, weil wir gerade in Gaza wie im Westjordanland Zeuge werden, wie auch die totale technologische \u00dcberlegenheit eines Staates nicht davor sch\u00fctzt, in Terror abzugleiten. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Religionisierung eines Territorialkonflikts<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Auff\u00e4llig ist beim so genannten Nahostkonflikt, dass nicht von \u201easymmetrischer Kriegsf\u00fchrung\u201c die Rede ist \u2013 obwohl die Krise so asymmetrisch ist, dass man das Gemetzel in Gaza nur schwer als \u201eKrieg\u201c bezeichnen kann; wo eine Seite \u00fcber Milit\u00e4r und Staatsgewalt verf\u00fcgt, die andere hingegen zwar eine gewisse Guerilla-Struktur aufweisen kann, aber die Zivilbev\u00f6lkerung in keiner Weise gesch\u00fctzt werden kann \u2013 nicht nur in Ermangelung eines Iron-Domes, sondern auch aufgrund der Enge im abgeriegelten Gaza-Streifen. Allein deshalb ersparen wir uns hier jede Er\u00f6rterung einer \u201eSchutzschild\u201c-These, die sowieso \u2013 um einmal die Worte des Journalisten Jeremy Scahill zu zitieren \u2013 als Eingest\u00e4ndnis anzusehen w\u00e4re: \u201eEvery accusation is a confession,\u201c wiederholt Scahill in diversen Interviews mit Blick auf israelische Verantwortliche und deren Machenschaften \u2013 wozu nicht nur die behauptete Verwendung von menschlichen Schutzschilden geh\u00f6rt. Er z\u00e4hlt zu den Journalisten, die in der Lage sind, ihren Einordnungen eine fundierte Machtanalyse zugrunde zu legen. Davon braucht es mehr \u2013 auch in der Wissenschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Jahrestag der Balfour-Declaration sei also nochmal daran erinnert, dass es sich um einen Territorialkonflikt handelt \u2013 weil ein Land zwei Mal versprochen wurde; von jemandem, der \u00fcber das Land gar nicht zu verf\u00fcgen hatte. Aber so war die europ\u00e4ische Gewohnheit in den Zeiten des Kolonialismus, die bis heute in der gesamten Region ihren Niederschlag findet. Und von der Attit\u00fcde von Rudyard Kiplings \u201eWhite Man\u2019s Burden\u201c hat sich so einiges in die \u00f6konomisierten Formen eines im globalen S\u00fcden grassierenden Neokolonialismus hin\u00fcber \u201egerettet\u201c. Hierbei ist besonders der Blick auf Gro\u00dfbritannien zu richten. Nicht von ungef\u00e4hr ist nun der Brite und mutma\u00dfliche Kriegsverbrecher Tony Blair in einem trumpesken \u201eFriedensplan\u201c im Gespr\u00e4ch, Gaza zuk\u00fcnftig zu verwalten \u2013 schlie\u00dflich gehe es um die Sicherheit Israels VOR Pal\u00e4stinensern, nicht um die Sicherheit VON Pal\u00e4stinensern. Deshalb ist allenfalls von einer Entwaffnung der Hamas, nicht jedoch der IDF die Rede, und das v\u00f6lkerrechtlich verbriefte Selbstbestimmungsrecht der Pal\u00e4stinenser findet \u2013 wenn \u00fcberhaupt \u2013 nur am Rande Erw\u00e4hnung. Mehr Asymmetrie geht also nicht. Dennoch will die Bezeichnung \u201easymmetrische Kriegsf\u00fchrung\u201c weder Politikern noch Journalisten \u00fcber die Lippen. Auf die Schw\u00e4che einer fehlenden Machtanalyse bei der Bewertung von Missst\u00e4nden gehe ich im Folgenden noch genauer ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier zun\u00e4chst noch ein Wirkmechanismus aus der Diskursanalyse, der \u00fcber die letzten Jahrzehnte stattgefunden hat und dessen Auswirkungen nicht gro\u00df genug eingesch\u00e4tzt werden k\u00f6nnen: die Religionisierung des \u201eKonflikts\u201c, der \u2013 liest man sich durch die Literatur der 1970er und 80er Jahre \u2013 seinerzeit kaum religi\u00f6se Facetten in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung hatte. Wie deutsche Medien zu diesem Reframing des Territorialkonflikts beitrugen, illustrieren zwei Titel des Magazins <em>Stern<\/em>, die in den 2000er Jahren erschienen. Man achte auf die sinn-induktiven Text-Bild-Montagen!<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"653\" height=\"489\" src=\"https:\/\/zeitzureden.org\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/image.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-640\" srcset=\"https:\/\/zeitzureden.org\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/image.jpg 653w, https:\/\/zeitzureden.org\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/image-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 653px) 100vw, 653px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Es mag Ideologen geben, die den antikolonialen Kampf arabischer Staaten mittels islamistischer Rhetorik zu legitimieren such(t)en \u2013 angefangen von Hassan al-Banna, dem Gr\u00fcnder der Muslimbruderschaft in \u00c4gypten mit unz\u00e4hligen Ablegern in der ganzen Welt \u2013 oder auf israelischer Seite den Rabbiner Itzhak Shapira, der eine fundamentalistische Pr\u00e4ventiv-Doktrin propagiert, die es gebietet, auch pal\u00e4stinensische Babys zu t\u00f6ten, weil sie einmal zum Feind werden k\u00f6nnten; alles geeignet den Eindruck zu erwecken, es handele sich um einen j\u00fcdisch-muslimisch-ideologischen Kampf. Dabei st\u00f6ren christliche Pal\u00e4stinenser, Drusen &amp; Co. nat\u00fcrlich, und so neigen nicht wenige dazu, diese unerw\u00e4hnt zu lassen \u2013 ebenso wie die anti-zionistischen und ultraaorthodoxen Juden der Gruppe <em>Neturei Karta<\/em> \u2013 und zunehmend homogenisierend eine Frontstellung zwischen Muslimen und Juden zu phantasieren; ganz im Sinne einiger Ideologen, die jegliche L\u00f6sung verhindern wollen. Medien folgen oft diesem Framing, obwohl sie aufkl\u00e4ren k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Rolle der Medien \u2013 Propaganda machen immer nur die anderen\u2026<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Unserer idealtypischen Vierten Gewalt k\u00f6nnen wir nicht erst seit dem schrecklichen Anschlag vom 7. Oktober 2023 ein breites Medienversagen attestieren, wie dies u.a. Fabian Goldmann in einigen Untersuchungen nachweist. Das Medienversagen beginnt damit, dass es keine journalistische Haltung ist, in einer Auseinandersetzung eine Seite als glaubw\u00fcrdiger einzustufen als die andere. In Gewaltkrisen gibt es per se keine glaubw\u00fcrdigen Quellen. Es sollte \u2013 leider zu oft verletzt \u2013 immer das Zwei-Quellen-Prinzip gelten und bei solchen Auseinandersetzungen besonders kritisch gepr\u00fcft werden, ob eine zweite Quelle, die aus einer Behauptung erst ein Fakt macht, auch wirklich unabh\u00e4ngig ist und nicht etwa eine Inszenierung darstellt. Die Propagandaforschung hat seit Arthur Ponsonby ausreichend belegt, dass alle Seiten versuchen die \u00f6ffentliche Meinung zu beeinflussen, sich selbst zu idealisieren und den Gegner zu d\u00e4monisieren. So weit, so normal. Nat\u00fcrlich kommt es auf die Ausstattung dessen an, was Thomas Leif und Rudolf Speth die \u201eF\u00fcnfte Gewalt\u201c nannten; d.h. auf die personellen und finanziellen M\u00f6glichkeiten, sich Lobbyarbeit und PR zu leisten. Je professioneller die PR, umso h\u00f6her der mediale Niederschlag, was dem Journalismus insgesamt ein Armutszeugnis ausstellt (vgl. z.B. die Analyse des Quincy-Instituts zur PR-Macht des milit\u00e4risch-industriellen Komplexes in US-amerikanischen Medien).<\/p>\n\n\n\n<p>Aus PR-Sicht ist die kl\u00fcgste Strategie Media Relations zu betreiben, denn wenn eine Werbebotschaft wie ein Medienprodukt daherkommt, halten es viele f\u00fcr seri\u00f6s, ja f\u00fcr \u201ejournalistisch gepr\u00fcft\u201c. Das, wof\u00fcr Israel also k\u00fcrzlich gescholten wurde, dass Unsummen in die Manipulation von KI und Social Media gesteckt sowie erpresserische Einflussnahme auf gro\u00dfe Medien (und Politik) genommen werde, ist eigentlich \u00fcberall gang und g\u00e4be: the ubiquity of propaganda, Soft Power. Als <em>Institute for the Study of War<\/em> getarnte Think Tanks aus dem Hause Kagan und Nuland in den USA, die in Israel zum Beispiel <em>Reut-Institute<\/em> or <em>Jerusalem Center for Security and Foreign Affairs<\/em> oder auch <em>Aish ha Torah<\/em> hei\u00dfen, entwickeln Analysen und Strategien zur Persuasionskommunikation: so hat letzteres den antimuslimischen Propaganda-Film \u201eObsession\u201c produziert, wobei das <em>Reut-Institute<\/em> ganz wesentlich Kampagnen erarbeitet hat, die diejenigen, die die Einhaltung des V\u00f6lkerrechts auch von Israel einfordern, des Antisemitismus bezichtigen, mit dem klar formulierten Ziel, dass die israelische Regierung ihre Politik nicht ver\u00e4ndern m\u00fcsse.<\/p>\n\n\n\n<p>Der einflussreichste Think Tank Deutschlands ist \u00fcbrigens die <em>Bertelsmann-Stiftung<\/em>, deren Krankenhaus(privatisierungs)konzept, das sich \u201eKrankenhausREFORM\u201c nennt, durch die Medien und Ministerien geistert. Die \u201eErfolge\u201c der Autolobby f\u00fcr fossile Technologie liefert ein weiteres Beispiel manipulierter Debatten mit gravierenden wirtschaftlichen Folgen. Die Einflussnahme von Akteuren der F\u00fcnften Gewalt auf die eher unbedarfte Vierte Gewalt kann gar nicht hoch genug eingesch\u00e4tzt werden. Das Erkennen von PR-Strategien m\u00fcsste die Journalismus-Ausbildung erg\u00e4nzen \u2013 und es sind sehr viele Techniken strategischer Kommunikation, die sich seit der Hochzeit des PR-Genies Edward Bernays erheblich weiterentwickelt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die deutschen Medien werden sich \u2013 wie die deutsche Regierung \u2013 vor dem Internationalen Gerichtshof daf\u00fcr verantworten m\u00fcssen, die Menschheitsverbrechen in Gaza mit erm\u00f6glicht zu haben: die Regierung durch Waffenlieferungen und die Medien durch die Beruhigung der Massen durch auslassende Berichterstattung, durch die \u00dcbernahme von Regierungs-PR, sowie durch einen pauschalen Antisemitismus-Vorwurf. Dieser beschuldigt sowohl die Aktiven gegen den geplanten Genozid in Gaza als auch die Lebensgrundlagen und Kultur der Pal\u00e4stinenser selbst als inh\u00e4rent \u201eantisemitisch\u201c \u00e0 la Reut-Institute.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Eindruck, der auf Social Media entstehen k\u00f6nnte, dass die Massen aufgepeitscht w\u00e4ren und sich in Hass ergingen, t\u00e4uscht \u2013 denn das ist immer noch eine Minderheit. Die Mehrheit, wie gerade eine Studie der Universit\u00e4t Erlangen zeigt, w\u00fcnscht sich eine andere Politik f\u00fcr Israel und Pal\u00e4stina. Viele Menschen haben sich inzwischen von den gro\u00dfen etablierten Medien abgewandt und suchen nach Alternativen \u2013 \u00e4hnlich wie 2014, als die Ukraine-Krise so massiv einseitig dargestellt wurde, dass sich auch ohne weitere Kenntnisse eine Skepsis einstellte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Medien-Divide w\u00e4re nat\u00fcrlich ein Risiko f\u00fcr eine demokratische Gesellschaft, weil sie einen Aushandlungsraum f\u00fcr Meinungsbildung und Entscheidungsfindung braucht und eine gemeinsame Sprache, um Sachverhalte zu kl\u00e4ren. <em>Zeit zu reden<\/em> sehe ich als Antwort auf diesen Teil des Medienversagens, verloren gegangene Diskursr\u00e4ume zur\u00fcckzuerobern und die notwendigen und auch schmerzhaften Diskussionen zu erm\u00f6glichen, die durch Diffamierung, Polarisierung und Veranstaltungsabsagen verhindert werden sollen. Ja, sollen. Denn das ist die Absicht der strategischen Kommunikatoren. Und unsere Medien m\u00fcssen erkennen, dass sie als Vehikel auserkoren wurden und auf deren Tricks schon vielfach hereingefallen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Mangelnde Kenntnisse des komplexen V\u00f6lkerrechts bieten ein weiteres Einfallstor f\u00fcr strategische Kommunikation, welche die Anspr\u00fcche Unterdr\u00fcckter gerne auf das humanit\u00e4re V\u00f6lkerrecht reduziert und m\u00f6glichst vom Selbstbestimmungsrecht der V\u00f6lker oder dem Staatsv\u00f6lkerrecht ablenkt. Suggestivfragen sollen dabei Plausibilit\u00e4t erzeugen: \u201eSoll man die Pal\u00e4stinenser f\u00fcr ihren Terror belohnen?\u201c \u201eWarum nicht?\u201c, lie\u00dfe sich aus historischer Perspektive erwidern, schlie\u00dflich ist Israel auch durch Terror entstanden. Er tr\u00e4gt die heute vielfach ausgeblendeten Namen <em>Lehi<\/em>, <em>Haganah<\/em> und <em>Irgun<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Von Antisemitismus kann keine Rede sein \u2013 soll es aber ausschlie\u00dflich<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nun wundern Sie sich, dass bis hierher noch nicht viel \u00fcber Antisemitismus \u2013 also Antijudaismus \u2013 geschrieben wurde? Tats\u00e4chlich br\u00e4uchte es das auch nicht. Denn die instrumentelle Aktualisierung der Angst vor Antisemitismus \u2013 die in Deutschland durchaus ihre Berechtigung hat \u2013 ist eben eine instrumentelle; besonders vorangetrieben vom bereits erw\u00e4hnten <em>Jerusalem Center for Security and Foreign Affairs<\/em>, das eine vermeintliche Fachzeitschrift herausgibt, die <em>Jewish Political Studies Review<\/em> hei\u00dft und in der ein rechter Ideologe namens Nathan Sharansky eine manipulative 3D-Theorie entwickelte. Demnach gebe es einen 3D-Test, der \u201eneuen (also antiisraelischen) Antisemitismus\u201c begr\u00fcnde in Form von \u201eD\u00e4monisierung, doppelten Standards und Delegitimierung\u201c Israels.<\/p>\n\n\n\n<p>Zusammen mit der von Ulrich Sahm geleakten \u201eArbeitsdefinition Antisemitismus\u201c, die schlie\u00dflich in dem Bem\u00fchen der IHRA m\u00fcndete, einen \u201eisraelbezogenen Antisemitismus\u201c auszumachen, l\u00e4sst sich bei n\u00fcchterner Betrachtung genau das feststellen, was das <em>Reut-Institute<\/em> platt und klar formuliert hatte: Um das Ziel zu erreichen, dass die v\u00f6lkerrechtlichen Standards nicht von Israel eingefordert werden, muss jegliche Initiative \u2013 z.B. BDS \u2013 als antisemitisch DELEGITIMIERT werden (sic!). So entsteht ein Doppelstandard, der es Israel erm\u00f6glichen soll, weiter v\u00f6lkerrechtswidrig Land zu besetzen. Genau umgekehrt also als immer behauptet.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass dieses Konstrukt es aber erlauben w\u00fcrde, Menschheitsverbrechen wie in Gaza und in der Westbank sowie V\u00f6lkerrechtsbr\u00fcche wie die der IDF im Libanon und in Syrien zu legitimieren und sogar explizite Genozidapologie salonf\u00e4hig zu machen, das h\u00e4tte selbst ich als kritische Diskursanalytikern in dem Ausma\u00df nicht f\u00fcr m\u00f6glich gehalten \u2013 obwohl ich bereits zum Ende meiner Doktorarbeit \u00fcber antimuslimischen Rassismus in den Medien vor \u00fcber 20 Jahren vor dem Potential warnte, welches aus der Entmenschlichung einer Menschengruppe resultiert. Besonders der wissenschaftliche Vergleich zwischen dem antij\u00fcdischen Diskurs im 19. Jahrhundert und dem antimuslimischen, anti-arabischen und anti-pal\u00e4stinensischen Diskurs der 1980er Jahre bis heute steht f\u00fcr diese ungebrochene M\u00f6glichkeit, \u00fcber Dehumanisierung Bereitschaft f\u00fcr die Akzeptanz von oder gar das Mitwirken an Mord und Totschlag zu erzeugen. Die Lehren aus der Geschichte wurden also noch nicht gezogen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Prof. Dr. Sabine Schiffer, 02. 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