Stellungnahme der Initiative Zeit zu reden zu Tagesspiegel-Artikel vom 25.04.2025
In einem Artikel für den Tagesspiegel vom 25. April 2026 (Neuköllner Kulturhaus bietet Bühne für Extremisten: “Radau-Antizionisten machen radikale Positionen salonfähig”) versuchen der Tagesspiegel-Redakteur Sebastian Leber und die freie Journalistin und Lehrerin Silvia Stieneker, die Spore Initiative in Berlin-Neukölln als Veranstaltungsort zu diskreditieren. Die auf selektiver Darstellung und pauschalen Vorwürfen basierende Diffamierung einzelner Personen bis hin zum Stifter Hans Schöpflin selbst zeigt, unter welch großem Druck öffentliche Diskursräume und zivilgesellschaftliche Initiativen inzwischen stehen unabhängig davon, ob sie staatlich oder privat gefördert werden. Wir kennen und schätzen die Arbeit der Spore Initiative und stehen selbstverständlich solidarisch an der Seite von Hans Schöpflin und seinem Team.
Der Artikel greift auch unsere Initiative Zeit zu reden an. Im Verlauf des Textes zitieren die beiden Autoren einzelne Mitwirkende von Veranstaltungen, die Zeit zu reden in der Spore Initiative organisiert hat – sowohl Expertinnen und Diskutanten auf dem Panel als auch Stimmen aus dem Publikum, ohne diese in den jeweiligen Kontext der Diskussion einzuordnen.
So lassen die Autoren unerwähnt, dass am 18.09.2025 neben der Politikwissenschaftlerin Helga Baumgarten der Völkerrechtsexperte Christian Marxsen, der Historiker Dieter Reinisch und der SPIEGEL-Journalist Christoph Reuter über das Recht auf Widerstand unter Terrorverdacht diskutierten. Bei der Veranstaltung zur palästinasolidarischen Bewegung saßen am 16.10.2025 neben dem Kinderarzt und Aktivisten Qassem Massri die Juristin Natali Gbele, die Sprach- und Medienwissenschaftlerin Sabine Schiffer und der Soziologe Peter Ullrich auf dem Panel.
Die Versuche der beiden Autoren des Tagesspiegel-Artikels, israelkritische Äußerungen zu kriminalisieren und zu diskreditieren („Terrorverharmlosung“, „Dämonisierung Israels“, „Vertreter extremistischer Positionen“) zeigen beispielhaft, warum Formate wie Zeit zu reden so wichtig sind. Denn bei uns lernt man, was der Unterschied zwischen Judenhass und Israelkritik ist; warum es sowohl im Grundgesetz als auch im Völkerrecht ein Recht auf Widerstand gibt und wo die strafrechtlichen Grenzen verlaufen; dass Sanktionen und Boykotte legitime Druckmittel gegenüber Staaten, ihren Institutionen und Repräsentanten sind, um diese zu einem völkerrechtskonformen Handeln zu zwingen (weswegen die BDS Bewegung weder verboten noch antisemitisch ist); und inwiefern die permanente Gleichsetzung von Antisemitismus mit Israelkritik dem in Deutschland so wichtigen Kampf gegen Judenfeindschaft als gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit schadet.
Dies sind nur die von Leber und Stieneker erwähnten Themen bzw. Veranstaltungen. Insgesamt haben wir seit September 2024 mehr als 20 Paneldiskussionen (und einige Workshops für Studierende) organisiert, bei denen renommierte Wissenschaftler:innen, Intellektuelle sowie Vertreter:innen von Nichtregierungsorganisationen und Medien diskutiert haben – nicht nur in Berlin, sondern auch in München, Hamburg und Leipzig. Unter unseren Panelteilnehmenden waren Stephan Detjen, Gesine Schwan, Richard David Precht, Naika Foroutan, Kai Hafez, Stephanie Schüler-Springorum, Mathias Rohe, Julia Duchrow, Daniel Marwecki, Susan Neiman, Michael Barenboim, Wolfgang Benz und der stellvertretende Vorsitzende der Polizeigewerkschaft Heiko Teggatz. Im Publikum sitzen neben palästinasolidarischen Aktivist:innen auch Vertreter politischer Stiftungen, Think Tanks, NGOs und Medien, ehemalige und aktuelle Mitarbeitende staatlicher Behörden und Ministerien, Universitätsangehörige und viele engagierte (und besorgte) Bürger:innen, die wegen des ehrlichen Austauschs und der politischen Bildungsarbeit von Zeit zu reden kommen.
Sämtliche Veranstaltungen und alle Mitwirkenden finden sich auf unserer Internetseite (https://zeitzureden.org/mitwirkende-page/). Wer sich ein eigenes Bild über die Inhalte machen möchte, kann alle Panels auf unserem YouTube-Kanal anschauen (https://www.youtube.com/@ZeitZuReden/videos).
Nichts an unserer Arbeit ist extremistisch oder antisemitisch, denn unsere Debatten finden stets auf der Grundlage von Menschenrechten, Völkerrecht und den Prinzipien des deutschen Grundgesetzes statt. Wer Zeit zu reden kennt, schätzt genau diesen klaren Kompass. „Radikal“ mögen manche der geäußerten und diskutierten Positionen nur deshalb wirken, weil eine sachliche und faktenbasierte Debatte im Kontext Israel/Palästina in Deutschland kaum stattfindet und weiterhin erschwert und verunmöglicht wird. Der Tagesspiegel-Artikel ist ein weiterer Versuch in diese Richtung, er bestärkt und motiviert uns in unserer Arbeit und bringt Zeit zu reden hoffentlich weitere Interessierte und Unterstützer:innen.
Berlin, 27. April 2026
Das Team von Zeit zu reden
Ido Arad, Haig Ghokassian und Kristin Helberg
Download – Stellungnahme der Initiative Zeit zu reden zu Tagesspiegel-Artikel vom 25.04.2025
