Fast eineinhalb Jahre nach dem Sturz des Assad-Regimes steht Syrien vor enormen Herausforderungen. Weite Teile des Landes – Wohngebiete und Straßen, das Wasser- und Stromnetz, Schulen und Krankenhäuser – sind zerstört oder beschädigt, mehr als fünf Millionen Menschen intern vertrieben, 15,6 Millionen Syrer:innen auf humanitäre Hilfe angewiesen. Aus Milizen müssen professionelle Sicherheitskräfte werden, der Staatssektor muss reformiert, die Wirtschaft angekurbelt und der Wiederaufbau finanziert werden. Dafür braucht es geeignete Investitionsbedingungen, Minen müssen geräumt, Massengräber ausgehoben und Kriegsverbrecher gefasst und vor Gericht gestellt werden. Einiges ist bereits passiert, aber für viele geht es nicht schnell genug voran.
Übergangspräsident Ahmad al-Sharaa hat die internationale Gemeinschaft davon überzeugt, dass er Syrien nach 54 Jahren Diktatur und fast 14 Krieg stabilisieren kann – aber kann er das Land und seine Menschen auch einen? Die syrische Gesellschaft ist tief gespalten. Während Bewohner von Damaskus von mehr Freiheit und einem Leben ohne Angst schwärmen, haben Teile der Bevölkerung – vor allem alawitische, drusische, kurdische und christliche Syrer:innen – jedes Vertrauen in die neue Führung verloren. Nach Massakern an der Küste im März 2025, in Sweida im Juli 2025 und der militärisch erzwungenen Integration der kurdisch geführten Autonomen Verwaltung Nord- und Ostsyrien in den Zentralstaat im Januar 2026 fürchten sie gewaltsame Übergriffe und Diskriminierung. Manche gehen davon aus, eine arabisch-sunnitisch dominierte Regierung in Damaskus, die schon jetzt zentralistisch und autoritär agiert, könnte mittelfristig schlimmer werden als die frühere Baath-Herrschaft, weil unter al-Sharaa zum arabischen Nationalismus noch ein wie auch immer gearteter Islamismus kommt.
Syrien befindet sich in einer Übergangsphase und wohin diese führt, ist unklar. Auf dem Panel diskutieren vier syrische Expert:innen über die drängendsten Fragen und verschiedene Sichtweisen. Welche Vision verfolgt al-Sharaa? Kann die Zivilgesellschaft ihre neuen Freiräume verteidigen? Welche Rolle spielt die Diaspora? Wie wichtig ist ein Parteiengesetz, das Menschen erlaubt, sich politisch zu organisieren? Und welche Antworten wird eine neue Verfassung auf Fragen von Identität und Pluralismus geben? Angesichts der eskalierenden Gewalt ringsum – im Libanon, im Iran, am Golf und in Palästina und Israel – erscheint Syrien fast wie ein Hort der Stabilität. Wie wirken sich die Kriege auf die Lage im Land aus? Welche Interessen verfolgen Israel, die Türkei und andere Regionalmächte in Syrien? Und was muss passieren, damit Syrien zu einem Land für alle Syrer:innen wird?
Photo: Die Zitadelle in Aleppo, Syrien. Credit: Andrea Backhaus

